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 Siegfried Prokop: Bd. I: Intellektuelle in den Wirren der Nachkriegszeit im Kai Homilius Verlag - Pressespiegel

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Bd. I: Intellektuelle in den Wirren der Nachkriegszeit
von Siegfried Prokop hrsg. von Siegfried Prokop, Dieter Zänker
Die soziale Schicht der Intelligenz der SBZ/DDR von 1945-1955
280 Seiten, Hardcover, 2010
Zeit- und Militärgeschichte Band 49, 19.90 €
auch verfügbar als: Hardcoverausgabe

Bestell-Nr. 08049
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Aktuelle Rezension


Marga Vogt schrieb in Neues Deutschland am 20.05. 2010

Soziale Breite

Der Autor dieses Bandes, Siegfried Prokop, erweist sich einmal mehr als exzellenter Kenner der Sozialgeschichte der DDR-Intelligenz. Diesmal stellt er statistische Analysen zur Stärke und sozialen Zusammensetzung dieser sehr differenzierten Schicht vor, die sich aus allen Klassen rekrutierte. Der Band bezeugt ebenso die ernsthaften Krisen und Brüche zwischen Geist und Macht in den konfliktgeladenen Wirren der Nachkriegszeit und belegt, dass die Partei- und Staatsführung ihr ehrgeiziges Ziel, die Intelligenz auf sich einzuschwören, verfehlte.

Nach der Befreiung vom Faschismus versuchte in Ostdeutschland eine antifaschsitische Elite, Einfluss auf die Politik zu nehmen. Johannes R. Becher mahnte einen »geschichtlichen Wandlungsprozess« des Volkes an und warb in verschiedenen politischen Lagern für eine Kulturorganisation als geistig-politisches Forum. Die staatlichen Organe, die sowjetischen Kulturoffiziere und die Mitglieder des Kulturbundes verband die Aufgabe der Umerziehung der Deutschen im Sinne einer antifaschistisch-demokratischen Umwälzung.

Die Entnazifizierung, die am konsequentesten unter der Lehrerschaft stattfand, hatte einen entscheidenden Anteil am sozialen Wandel der Intelligenz. Am 18. Oktober 1945 erließen KPD und SPD einen Aufruf zur demokratischen Schulreform. Das alte Bildungsprivileg sollte gebrochen werden. Die Ausbildung von Neulehrern (30 0000!) war ein soziales Groß-Experiment. Die Teilnehmern der 4. Tagung des Hochschulausschusses 1948, die überzeugt waren, dass an den Hochschulen mitentschieden werde, ob es gelingt, Deutschland neu zu gestalten, kritisierten, dass sich viele mit dem SED-Mitgliedsbuch die Zulassung zum Studium »kauften«. Ebenfalls 1948 erarbeitete die Deutsche Wirtschaftskommission »Aufgaben der technischen Intelligenz im Rahmen der Wirtschaftsplanung«. Es gelang, in der industriellen Bruttoproduktion bereits im ersten Quartal 1950 den Vorkriegsstand zu erreichen; die technische Intelligenz erreichte aber erst Mitte des Jahres 80,2 Prozent ihrer Stärke von 1939. Es herrschte die Vorstellung, nur der sozialistische Ingenieur könne die technischen Herausforderungen im Wettbewerb der Systeme erfolgreich meistern. In den 50er Jahren wuchs die Zahl technischer Hochschulen.

Zeit ihrer Existenz hatte die DDR mit der Abwanderung von Eliten in den Westen zu kämpfen. Zudem etablierten sich Gegeneliten, die das von Parteiideologen und Propagandisten beanspruchte Theorie-Monopol negierten. Streitbare Mitdenker wurden zu Feinden erklärt. Werben und Disziplinieren, das geht nicht gut zusammen! Eine soziale Offensive der Deutschen Wirtschaftskommission verbesserte jedoch die materiellen Lebensbedingungen der Wissenschaftler, Künstler, Schriftsteller, Ingenieure, Agronomen, Techniker etc. Für hervorragende Leistungen wurden Nationalpreise gestiftet. Und es gab einen Ausschuss für die Förderung der Deutschen Intelligenz.

Spannend liest sich auch der Abschnitt über den Lyssenkoismus in der jungen DDR. Der Genetiker Hans Stubbe kritisierte die Dogmen Lyssenkos und erhielt sogar Unterstützung durch einen Artikel im SED-Zentralorgan »Neues Deutschland«. Prokop fand heraus, dass es hierfür einen pragmatischen Grund gab: Ohne Stubbe wäre es nicht möglich gewesen, eine Akademie der Landwirtschaftswissenschaften in der DDR zu gründen. Denn dessen Zunftkollegen Hans Kappert und Hermann Kuckuck waren bereits in den Westen geflüchtet. Ulbricht wollte Stubbe nicht auch noch verlieren.

Kapitel über die Intelligenz-Gewerkschaften, die Klubs der Intelligenz, die Urania, wissenschaftliche Gesellschaften u. a. fehlen in diesem interessanten Band, das zu einem Standardwerk avancieren dürfte, nicht. Man darf schon auf den zweiten Teil über die Jahre 1956 bis 1961 gespannt sein

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